Junge Parkinsonkranke

Rheinland-Pfalz-Süd

02.08.2017 17:05 Uhr
Kategorie: Veranstaltungsberichte, Treffen (JuPa), Treffen (RG)

Vortrag: „Sinnvolle Exotische Therapien“ · 15:00 Uhr

Hotel-Restaurant Barbarossahof, Eselsfürth 10, 67657 Kaiserslautern, Telefon: 0631 41440, www.barbarossahof.com

 

Referent: Dr. med. Thomas Vaterrodt
Chefarzt Neurologische Klinik, SHG-Kliniken Sonnenberg, Saarbrücken

Nachlese

Vortrag: „Sinnvolle Exotische Therapien“ 

Über Sinn und Wirkung „exotischer“ Therapien sprach Dr. Thomas Vaterrodt am 2. August 2017. In seinem Vortrag ging der Chefarzt der Neurologischen Klinik in den SHG-Kliniken Sonnenberg, Saarbrücken, hauptsächlich auf nicht pharmakologische Substanzen und Präparate ein. „Menschen, die keine Medikamente nehmen wollen, sehen darin eine Alternative. Auch bei chronischen fortschreitenden Krankheiten greifen manche gern auf sogenannte Wundermittel zurück“, eröffnete er sein Referat.

Als pflanzliche Therapie führte er die Behandlung mit Belladonna-Präparaten an. Basis der Therapie sei die anticholinerge Wirkung, die sich gegen die Überaktivität cholinerger Interneurone infolge eines Dopaminmangels richtet. Eine alte Substanz, die der bulgarische Kräuterkundige Leopold Ordenstein bereits 1867 bei Parkinson angewendet habe. Allerdings in Grenzen wegen ihrer Toxizität. „Bis zur Einführung synthetischer Anticholinergika am Ende des zweiten Weltkrieges war das die einzige Medikation für diese Erkrankung.“

Auch der Fababohne (Vicia faba) sei in einer nicht kontrollierten Studie bescheinigt worden, den L-Dopaspiegel ansteigen zu lassen und so die Beweglichkeit zu verbessern sowie die „on“-Zeiten zu verlängern. Bei acht Patienten habe man die Wirkung von täglich dreimal 250 Gramm gekochten Bohnen geprüft und einen identischen Effekt wie bei 125 Gramm Levodopa festgestellt. Eine gleiche Wirkung habe auch eine andere Bohnensorte namens Mucuna Pruriens. „Auch wenn es keine unsinnige Therapie ist, wer möchte schon solche Mengen an Bohnen zu sich nehmen?“, meinte Vaterrodt. Außerdem seien die Wirkungen auf den Magen-Darm-Trakt kritisch zu sehen.

Dagegen habe Koffein im Rahmen einer randomisierten Doppelblindstudie keinen Einfluss auf den Schlaf gehabt, aber eine leichte Verbesserung der Parkinson-Symptome bewirkt. Das habe sich nach drei Wochen gezeigt, in denen eine Patientengruppe zweimal täglich eine Kapsel mit 100 bis 200 Milligramm (vergleichbar mit zwei bis vier Tassen Kaffee) eingenommen habe, die andere Gruppe Placebos. Der Wirkmechanismus von Koffein beruhe auf dem nicht selektiven Adenosin-2A Antagonist. „Davon befinden sich mehrere als Parkinsonmedikament in der klinischen Entwicklung.“

Einen präventiven Charakter habe auch Nikotin. „Es regt die Ausschüttung von Dopamin im Gehirn an, hat allerdings auch gesundheitsschädliche Wirkungen. Im Gegensatz zu Tomaten, Kartoffeln und Pfeffergewächsen, die wie Tabak zu den Nachtschattengewächsen zählen“, erläuterte der Mediziner und empfahl, die Gemüse in die Nahrung einzubauen, „denn je höher der Konsum von Nachtschattengewächsen, desto langsamer der Verlauf der Parkinsonkrankheit. Das hat eine Studie gezeigt.“

Als ergänzende Therapie bei übermäßigem Speichelfluss eigne sich Kaugummi. „Kanadische Wissenschaftler haben sich mit der Schluckfrequenz beschäftigt und herausgefunden, dass sie sich bei Kaugummi kauenden Patienten erhöht und somit den Speichel im Mund reduziert.“

In einem weiteren Teil seines Vortrags beschäftigte sich Thomas Vaterrodt mit Medikamenten, die nicht für Parkinson gedacht sind, aber dennoch einen positiven Effekt auf die Krankheit haben können. „Viele Patienten berichten, dass der Wirkstoff Diclofenac die Schmerzen verbessere, zu einer geistigen Frische und größerer Aktivitätsfähigkeit führt. Das ist auf den antientzündlichen Effekt zurückzuführen, der auch auf anderes eine positive Auswirkung hat. Allerdings sollte man Diclofenac wegen des Risikos der Nebenwirkungen nicht über längere Zeit einnehmen.“

Eine neuroprotektive Wirkung werde Antioxidantien nachgesagt, wie etwa Papaya-Extrakt. Im Rahmen einer Studie wurde Ratten fermentiertes Papaya-Pulver über vier Wochen verabreicht – mit einem nachweisbar antioxidativen Effekt. „Es besteht eine gewisse Chance, dass Zellen dadurch geschützt werden. Allerdings ist noch nicht untersucht, zu welchem Zeitpunkt Antioxidantien wirken. Noch bevor Parkinson entsteht oder ganz am Anfang der Erkrankung, das ist bislang unklar“, sagte der Neurologe, bevor er abschließend auf ein neues Medikament zu sprechen kam: Opicapone, ein COMT-Hemmer für Patienten mit motorischen Fluktuationen. „Opicapone hat eine bessere Wirkung und Verträglichkeit als Comtess und weniger Nebenwirkungen als Tasmar. Es muss nur einmal am Tag eingenommen werden und wirkt unmittelbar danach.“